Gjør som tusenvis av andre bokelskere
Abonner på vårt nyhetsbrev og få rabatter og inspirasjon til din neste leseopplevelse.
Ved å abonnere godtar du vår personvernerklæring.Du kan når som helst melde deg av våre nyhetsbrev.
Drei Stunden von Glatz südöstlich, abseits vom Verkehr liegt in einer Quermulde der Vorberge des Eisengebirges das kleine Gebirgsdorf Steindorf. Am Fuße des kleinen und großen Hedwigsteines lagert das eigentliche Dorf, eine geringe Anzahl niedriger Hütten und Gehöfte, die unter Obstbäumen versteckt liegen. An den Rändern der umliegenden Berge, in den Löchern hängen und hocken seine Kolonien. »Unse Dorf hat fimf Anteele!« rühmt sich jeder Steindorfer; aber niemand wird darum reicher. Mühsam rang man dem Steingeröll die mageren Feldbreiten ab, dann schichtete man es zu Wällen auf, die sich zwischen den Äckern hinziehen. Sie sind grau, verwittert, von Moosen und Flechten überzogen, mit Hirschholder und Heckenrosen bewachsen, wie Mauern einer verfallenen Stadt, wie vergessenes Material eines großen Bauwerkes, dessen Plan verlorengegangen ist. Die letzten Oktobertage bringen morgens und abends tiefe Nebel über Steindorf. Diese steigen von den Tälern des Kessels der Grafschaft Glatz herauf, an dessen südöstlichem Rande das kleine Dorf liegt. Der erschöpfte Wind treibt sie schläfrig herauf, gleich unförmigen grauen Riesentieren. Dann ziehen sie träge heran, stoßen sich an den steilen Schwarzwaldhängen des Rollenberges und des Hedwigsteines, versuchen über ihn hinwegzuklimmen, fallen aber träge zurück und rollen ihre plumpen Leiber hinab in das Tal, das bald angefüllt ist mit ihren wolligen, unruhigen Rücken. Der Wind, ihr Hirt, geht noch eine Weile auf den Kämmen der Berge hin und her, lobt die Ruhe seiner grauen Riesenherde mit hohem, zufriedenem Singen oder brüllt sein Mißfallen in rauhen Aufschreien ins Tal und wühlt sich endlich spät in der Nacht mit knurrenden Lauten zu kurzer Ruhe in den Waldhöhen ein. In solchen Nebelnächten des Spätherbstes hört dann das Leben auf der Straße von Steindorf noch eher auf als sonst. Auch das Glockentürmchen auf dem Freirichtergute, das sonst immer als standhafter Wächter über die Dächer späht, verkriecht sich gar zeitig irgendwohin. Ganz stille schläft es. Nur beim wilden Aufschrei des zornigen Windes wacht es auf, und sein Glöckchen schlägt stotternd einigemal an, wie ein furchtsames Herz pocht, das sich seiner Pflichtvergessenheit bewußt wird. Dann eilt das Türmchen jedesmal auf das hohe, steile Dach des Wohnhauses, zerteilt mit seiner Fahne die schlafenden Nebel, lugt das Dorf hinauf und hinab und hüpft beruhigt wieder in sein Nest tief in der Finsternis.
»Überaus ein edel und hübsche Meinung ist's, sich in dem Spiegel der alten Historien, die uns von den Voreltern verlassen sind, zu besehen, uns dadurch zum Guten zu wenden, das Üble zu fliehen, Herzen und Gedanken in den Dienst des Allmächtigen zu richten. Darum ich, der Ritter von Thurn also spreche: Meine lieben Töchter, ich bin nun hinfort mehr alt und krank, habe die Welt mehr erkundiget und gesehen, denn ihr, darum so will ich euch ihren Lauf anzeigen nach meinem Verstand, der leider nur schwach ist, aber stark wird in der Liebe zu euch. Alles kommt von Gott, deshalb sei es das erste Werk der Frauen, sobald sie Morgens erwachen, sein Lob und seine Ehre zu singen, denn das ist mehr als Bitten und Klagen und ein Werk der Engel, die schon beim aufgehenden zarten Morgensterne, dem allmächtigen Gotte Lob und Ehre singen und erbieten.« Diese guten Worte eines alten Ritters mögen in diesem verdrießlichen, immer wiederkehrenden Winter, wo allen schönen Kindern Zeit und Weile lang wird, wohl zur rechten Zeit wiederholt werden; doch keinem geziemen sie besser, als der nun zerstreueten, übellaunigen Wintergesellschaft, zu deren Unterhaltung die folgenden Geschichten zusammengebracht wurden, die sehr unzufrieden mit der ganzen Welt, doch immer etwas Neues von ihr wünschte, endlich aber mit allem, was bloß erzählt und nicht geschehen, ganz nachsichtig, aufmunternd, wohlwollend und zufrieden schien. Die Leser werden mich noch nicht ganz verstehen, wenn sie diese Stimmung nicht selbst einmal durchlebt haben; sie treten in die Türe, während wir mit einer langen Unterhaltung fast zu Ende gekommen, doch sollen sie nach Pflicht und Herkommen in das frühere Schicksal meines Buchs eingeführet werden, um sein künftiges gnädig zu bestimmen. Somit bin ich genötigt einen Teil meiner eignen Schicksale zu erzählen. Auf einer Geschäftsreise nach den Wohnplätzen der alten Lieder holte ich auf einsamem Sandwege, der sich durch einzelne breitgewachsene Kienen fortschlich, einen alten grauen Mann ein, der mit seinem langen grauen Barte, grauem Mantel, grauer Mütze, staubgrauen Stiefeln und grauen Augen, erst nur eine vertiefte Wolke zu sein schien. Er trug stöhnend einen schweren grauen Kasten und bat mich, ihn mitzunehmen. Wer kann alle Leute fahren lassen, die jetzt Fußreisen machen, den Alten nahm ich indessen mehr zur Unterhaltung, denn aus Mitleiden auf. Als Postgeld mußte er mir seine Geschichte mitteilen, die sonderbar genug lautete. Er hatte einen Kobold zur Einquartierung bekommen, über den er in Verzweiflung sein Haus angezündet. Als er nun diesen einzigen Kasten mit seinen letzten Habseligkeiten auf dem Rücken, sich nach dem Feuer lustig umsah und des Kobolds lachte, dem das Zimmer bald allzustark eingeheizt scheinen mußte,
Die Nachtigall und die LercheDie Nachtigall sang einst mit vieler Kunst; Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst; Die Blätter in den Gipfeln schwiegen Und fühlten ein geheim Vergnügen. Der Vögel Chor vergaß der Ruh' Und hörte Philomelen zu. Aurora selbst verzog am Horizonte, Weil sie die Sängerin nicht g'nug bewundern konnte. Denn auch die Götter rührt der Schall Der angenehmen Nachtigall; Und ihr, der Göttin, ihr zu Ehren Ließ Philomele sich noch zweimal schöner hören. Sie schweigt darauf. Die Lerche naht sich ihr Und spricht: »Du singst viel reizender als wir; Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen; Doch eins gefällt uns nicht an dir, Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen.«Doch Philomele lacht und spricht: »Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht Und wird mir ewig Ehre bringen. Ich singe kurze Zeit. Warum? Um schön zu singen. Ich folg' im Singen der Natur; So lange sie gebeut, so lange sing' ich nur. Sobald sie nicht gebeut, so hör' ich auf zu singen; Denn die Natur läßt sich nicht zwingen.«O Dichter, denkt an Philomelen, Singt nicht, so lang ihr singen wollt. Natur und Geist, die euch beseelen, Sind euch nur wenig Jahre hold. Soll euer Witz die Welt entzücken, So singt, so lang ihr feurig seid, Und öffnet euch mit Meisterstücken Den Eingang in die Ewigkeit. Singt geistreich der Natur zu Ehren; Und scheint euch die nicht mehr geneigt, So eilt, um rühmlich aufzuhören, Eh' ihr zu spät mit Schande schweigt. Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen? Er bindet sich an keine Zeit. So fahrt denn fort, noch alt zu singen, Und singt euch um die Ewigkeit.
Er ist ein einsamer Wanderbursch, der kleine Fluß, er läuft durch die stille Heide. Seine schwach klingenden Wellchen kennen nicht das tolle Jauchzen thaleinwärts stürzender Wasser; sie trollen sich gemächlich über widerstandslose, flach gewaschene Kiesel, zwischen seichten, mit Weiden und Erlen bestandenen Borden. Das Gebüsch aber verschränkt seine Zweige so undurchdringlich, als dürfe nicht einmal der Himmel droben wissen, daß die kleine Ader voll rieselnden Lebens in der verrufenen Heide klopfe. Und das ist so recht im Sinn vieler böser Zungen, die draußen in der Welt diese weiten Flächen germanischen Tieflandes verlästern.Lieber, sieh dir einmal das vielgeschmähte Proletarierweib, die Heide, im Hochsommer an! Freilich, sie hebt die Stirne nicht bis über die Wolken, das Diadem des Alpenglühens oder einen Kranz von Rhododendren suchst du vergebens; sie trägt nicht einmal die Steinkrone des Niedergebirges; auch schmiegt sich nicht der breite funkelnde Stahlgürtel eines gewaltigen Wasserstromes unter ihren Busen; aber die Erika blüht; ihre lila- und rotgemischten Glockenkelche werfen über die sanften Biegungen des Riesenleibes einen farbenprächtigen, mit Myriaden gelbbestäubter Bienen durchstickten Königsmantel und der hat einen köstlichen Saum.
Es war in Megara, einer der Vorstädte von Karthago, in den Gärten Hamilkars.Die Söldner, die er in Sizilien befehligt hatte, feierten den Jahrestag der Schlacht am Eryx durch ein großes Gelage. Da der Feldmarschall abwesend und die Versammlung zahlreich war, schmauste und zechte man auf das zwangloseste.Die Offiziere hatten sich gestiefelt und gespornt in der Hauptallee gelagert, unter einem goldbefransten Purpurzelt, das von der Stallmauer bis zur untersten Schloßterrasse ausgespannt war. Die Scharen der Gemeinen lagen weithin unter den Bäumen, durch die man zahlreiche flachdachige Baracken, Winzerhäuschen, Scheunen, Speicher, Backhäuser und Waffenschuppen schimmern sah, einen Elefantenhof, Zwinger für die wilden Tiere und ein Sklavengefängnis.Feigenbäume umstanden die Küchen. Ein Sykomorenhain endete an einem Meere grüner Büsche, daraus rote Granatäpfel zwischen weißen Baumwollenkotten leuchteten. Traubenschwere Weinreben strebten bis in die Wipfel der Pinien. Unter Platanen glühte ein Rosenfeld. Hier und da wiegten sich Lilien über dem Grase. Die Wege bedeckte schwarzer Kies, mit rotem Korallenstaub vermischt. Von einem Ende zum andern durchschnitt den Park eine hohe Zypressenallee, gleich einem Säulengange grüner Obelisken.Ganz im Hintergrunde leuchtete auf breitem Unterbau das Schloß mit seinen vier terrassenartigen Stockwerken, aus numidischem, gelbgesprenkeltem Marmor. Seine monumentale Freitreppe aus Ebenholz, deren einzelne Stufen links und rechts mit den Schnäbeln eroberter Schlachtschiffe geschmückt waren, ¿ seine roten Türen, die je ein schwarzes Kreuz vierteilte, ¿ seine Fensteröffnungen, die im untersten Stock Drahtgaze vor den Skorpionen schützte, während sie in den oberen Reihen vergoldetes Gitter zeigten, ¿ all diese wuchtige Pracht dünkte die Soldaten so hoheitsvoll und unnahbar wie Hamilkars Antlitz.
Ich übersetze aus einem italienischen Chronisten den genauen Bericht über die Liebschaft einer römischen Fürstin mit einem Franzosen. Es war im Jahre 1726, und alle Mißbräuche des Nepotismus blühten damals in Rom; niemals war der Hof glänzender gewesen. Benedikt XIII. Orsini regierte, oder vielmehr: es leitete sein Neffe, der Fürst Campobasso unter seinem Namen alle Geschäfte. Von allen Seiten strömten Fremde nach Rom; italienische Fürsten, spanische Granden, noch reich an Gold der Neuen Welt, kamen in Menge, und wer reich und mächtig war, stand dort über den Gesetzen. Galanterie und Verschwendung schienen die einzige Beschäftigung aller dieser Fremden aller Nationen zu sein.Des Papstes beide Nichten, die Gräfin Orsini und die Fürstin Campobasso genossen vor allen die Macht ihres Oheims und die Huldigungen des Hofs. Ihre Schönheit hätte sie aber auch aus den untersten Schichten der Gesellschaft hervorgehoben. Die Orsini, wie man sie familiär in Rom nannte, war heiter und, wie man hier sagt, disinvolta, die Campobasso zärtlich und fromm, aber diese zärtliche Seele war der gewalttätigsten Leidenschaften fähig. Obgleich sie nicht erklärte Feindinnen waren und nicht nur jeden Tag sich am päpstlichen Hof trafen, sondern sich auch oft besuchten, waren diese Damen Rivalinnen in allem: Schönheit, Ansehen und Glücksgütern.Gräfin Orsini, weniger hübsch, aber glänzend, ungezwungen, beweglich und für Intrigen begeistert, hatte Liebhaber, die sie wenig kümmerten und nicht länger als einen Tag beherrschten. Ihr Glück war, zweihundert Menschen in ihren Salons zu sehn und unter ihnen als Königin zu glänzen. Sie lachte über ihre Kusine Campobasso, welche die Ausdauer gehabt hatte, sich drei Jahre hindurch mit einem spanischen Herzog zu kompromittieren, um ihm schließlich sagen zu lassen, daß er Rom binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen habe, wenn ihm sein Leben lieb sei. ¿Seit diesem großen Hinauswurf¿, sagte die Orsini, ¿hat meine erhabene Kusine nicht mehr gelächelt. Seit einigen Monaten ist es klar, daß die arme Frau vor Langweile oder vor Liebe stirbt, aber ihr gewitzter Gatte rühmt dem Papst, unserm Oheim, diese Langweile als hohe Frömmigkeit. Bald aber wird sie diese Frömmigkeit dazu bringen, eine Pilgerfahrt nach Spanien zu unternehmen.¿
Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein, ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht geschehen kann. Wenn ich in meinem Fach¿ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37¿einem Prinzipal¿ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft¿eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck & Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf so was einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war.
Ein elfjähriger Knabe schlich sich durch den Garten der Lepida. Der Regen strömte in Güssen auf ihn herab. Der braune Sklavenmantel, der ihm bis auf die Füße reichte, färbte sich auf den Schultern in breiten Flecken dunkel vor Nässe und auf der Brust im Tupfenmuster dunkel vor Tränen.Das Gebüsch rauschte nah und schaurig, so daß der Knabe vor Angst zu laufen begann. Aber als der Hund Argos im Häuschen des Torwächters zu bellen anhob, erstarrte er vor Schreck und verharrte lange in einem Tümpel hockend, weil er gelesen hatte, daß die Bluthunde im Wasser die Spur verlören. Er haßte den Hund Argos und in ihm alle Hunde der Welt.Jetzt endlich erreichte er das Palasttor.Es war hoch und bronzen und alt. Sein mächtiger Riegel lief in Haspen über die ganze Flügelbreite. Der Knabe legte seinen lodenen Mantel um den Griff und zog und zerrte mit aller Kraft an ihm. Er keuchte, seine Zunge trat zwischen den Zähnen vor, seine regennasse, sehr schmutzige Hand glitt ab und er scheuerte sich an einer der gehämmerten Verzierungen die Fingerknöchel blutig. Vor Schmerz und Zorn und Mitleid mit sich selber begann er zu weinen, riß die runde Hand an den Mund und sog das Blut fort.Seine Stirn, an der die nassen roten Haarsträhnen klebten, sank an die eisige Bronze.Er wußte nicht, was furchtbarer sei, hier draußen in Nacht und Regen und in des Hundes Argos Bereich noch länger zu verharren oder in sein »Heim« zu Drumio zurückzukehren. Er dachte schluchzend: »Wäre ich doch schon endlich groß, um sterben zu können!« Er dachte: »Paris!« und: »Hunger«.
Die dunklen Wasser des Parana flossen träge dahin, und die dichten, hochstämmigen Wälder, die den Fluß zu beiden Seiten begrenzten, ließen ihn noch düsterer erscheinen. Außer dem eintönigen, dumpfen Rauschen des Wassers war nirgendwo ein Laut. Kein Fahrzeug belebte den sonst so vielbefahrenen Fluß, der auf seinem langen Lauf zahlreiche Städte berührte; der Bürgerkrieg, der nun schon seit Jahren das Land verheerte, Menschenleben und Eigentum vernichtete und blühende Provinzen verwüstete, hatte auch die mächtige, verkehrsreiche Wasserstraße vereinsamt. Die einzigen Schiffe, die jetzt dann und wann seine Fluten kreuzten, waren stark bemannte Kriegsfahrzeuge, die Soldaten und Waffen transportierten. Die Ruhe eines Friedhofes lag über den Paranaprovinzen. Die Sonne neigte sich schon; ihre letzten Strahlen trafen zwei Männer, die auf der Lichtung einer kleinen bewaldeten Insel saßen, durch hochragende Bambusstauden und dichtes Weidengebüsch gegen jede Sicht vom Fluß aus geschützt. Zwischen den schwankenden Schilfhalmen dicht am Ufer lag ein kleines Kanu.
Die nachstehende Pantomime entstand in derselben Weise wie mein Tanzpoem »Faust«. In einer Unterhaltung mit Lumley, dem Direktor des Londoner Theaters der Königin, wünschte derselbe, daß ich ihm einige Ballettsujets vorschlüge, die zu einer großen Entfaltung von Pracht in Dekorationen und Kostümen Gelegenheit bieten könnten, und als ich mancherlei der Art improvisierte, worunter auch die Dianalegende, schien letztere den Zwecken des geistreichen Impresarios zu entsprechen, und er bat mich, sogleich ein Szenarium davon zu entwerfen. Dieses geschah in der folgenden flüchtigen Skizze, der ich keine weitere Ausführung widmete, da doch späterhin für die Bühne kein Gebrauch davon gemacht werden konnte. Ich veröffentliche sie hier, nicht um meinen Ruhm zu fördern, sondern um Krähen, die mir überall nachschnüffeln, zu verhindern, sich allzu stolz mit fremden Pfauenfedern zu schmücken. Die Fabel meiner Pantomime ist nämlich im wesentlichen bereits im dritten Teile meines »Salon« enthalten, aus welchem auch mancher Maestro Barthel schon manchen Schoppen Most geholt hat. Diese Dianenlegende veröffentliche ich übrigens hier an der geeignetsten Stelle, da sie sich unmittelbar dem Sagenkreise der »Götter im Exil« anschließt und ich mich also hier jeder besondern Bevorwortung überheben kann.
In Cento Novella ich las, wie das ein reicher kaufman sas in Italia, dem Welschlant, Missina war die stat genant; derselbig het erzogen schon drei sün, höflich und wolgeton, und auch ein tochter minniklich, schön, wol erzogen, adelich, die war Lisabeta genant, in zucht und tugent weit erkant, derhalb manch jüngling umb sie warb. da nun der alte kaufman starb, darnach an einem abent spat die drei brüder hetten ein rat, sie wolten bei einander bleiben und iren handel wider treiben in aller maß gleich wie vorhin, auf gleichen verlust und gewin; das war der schwester wol zu mut. die drei gewunnen großes gut, all ir handel gieng glücklich recht. sie hetten ein getreuen knecht, derselb war Lorenzo genant, war geboren aus deutschem lant; derselbig trib in iren handel. er was schön, jung, gerad, an wandel; demselben wart sein herz verwunt in strenger lieb in kurzer stunt gegen der junkfrauen, ich sag; bei ir sein herz war nacht und tag, und kunt das nit von ir ablenken; er tet vil tiefer seufzer senken und het ganz weder ru noch rast. nun was die junkfrau gleich so fast gen im in strenger lieb versert, ir lieb von tag zu tag sich mert; allein tetens ir herz erquicken, mit vil freuntlichen augenblicken teilt eins dem andern heimlich mit; doch west eins von dem andern nit, biß doch eins dem andern bekennet, wie es in strenger liebe brennet.
Es war im heißen Sommer neunzehnhundertelf, der Juli neigte sich dem Ende zu, ein heiterer Tag hielt seinen fast toskanisch blauen Himmel über München ausgespannt. Noch das gedämpfte Licht, das durch die rußigen Glasdächer des Hauptbahnhofes drang, trug Sonne in sich und ließ das Kunterbunt von sommerlich geputztem Menschenvolk, das unten auf den Steigen wimmelte, zu ruhiger Harmonie verschmelzen. Rauch puffte zornig oder wallte still aus stämmigen Lokomotivenschloten, er hüllte sich nach oben immer mehr in Glanz und floß unter dem Dach streifig zu Schwaden auseinander, durch die die Helle draußen wie durch einen zart gemusterten Achatschliff fiel, wechselnd von kaltem Weiß und duftigem Blaugrün über reich gestuftes Gelb bis zu den wie mit chinesischer Tusche untermalten Tinten eines warmen Brauns.Der alte Bahnhof, sonst als häßlich in der Welt verschrien, hatte seinen schönen Tag. Nur schade: unter all den Augen, die das sahen, bemerkten es kaum zwei. Die Reisezeit stand grade recht in Blüte, es herrschte ein erbittertes Gedräng, Mundarten aller deutschen und so mancher fremder Gaue wurden laut. Die meisten dieser Leute, ob sie nun keuchend mit den Ellbogen fochten oder müßig warteten, trugen den gehetzten, leergequälten Ausdruck im Gesicht, der sich von selber einstellt, wo der Mensch seinem ertiftelten Gemächte, der Maschine, gegenübertritt. Seit sie ihm Zeit spart, hat er keine Zeit. Ein solches Bahnhofspublikum aus der Verkrampftheit in entfernte Dinge loszureißen und ihm die Augen für die nahe Wirklichkeit zu öffnen, braucht es sinnfälligerer Reize als die Schönheit glanzdurchwobnen Rauches. Die Schönheit einer jungen Dame etwa, zumal wenn sie herausfordernd modisch aufgetakelt ist, bewirkt schon mehr; die allgemeinste Teilnahme aber, wenn dies Wort für diese Sache paßt, erringt sich stets, was durch Absonderlichkeit die Spottsucht weckt.Diese Art von Teilnahme erregte ein junger Herr, der eben aus der Schalterhalle trat. Wo er hier ging und stand, da wendeten sich Köpfe nach ihm um, man grinste hinter ihm drein, gutmütig oder hämisch, wie sich's eben traf. Feinfühlige Menschen freilich schauten ihm mit Bedauern nach, wohl auch von jenem halben Ekel angefaßt, der geradgewachsene Schönheitlinge beim Anblick eines Krüppels überläuft. Eins seiner Beine war zu kurz ¿ sein rechter Stiefel zeigte eine Sohle von mindestens drei Fingerbreiten Höhe. Die richtige Dicke war das keinesfalls ¿ sonst hätte dies Opfer schusterhafter Orthopädie nicht so fanatisch, durfte man wohl sagen, hinken können. Im übrigen war er auffallend dürr und eher groß als klein, engbrüstig und schmalschultrig. Sein feingeschnittenes Gesicht wies eine ungesunde Blässe auf, mit leiser Rötung überall, wo diese Farbe störend wirkt. Zu langes Haar, hell aschblond wie der ausgefranste kleine Schnurrbart, hing ihm in glatten Strähnen auf den Kragen nieder. Die Augen sah man nicht: ein schwarzes Glas verdeckte sie, ein Kneifer mit zu klobigem schwarzem Horngestell, der statt an eine Schnur an ein fast fingerbreites schwarzes Doppelband gekettet war. All dies Schwarz ließ sein Gesicht noch käsiger erscheinen.
Unsere Zeit hat mehr als irgend eine frühere der Sage ihr Recht angedeihen lassen, und der Forscher geht nicht mehr vornehm an ihr vorüber, sondern erkennt in ihr eine Quelle der Geschichte, die, wenn sie auch oft die geschichtlichen Thatsachen nicht in ihrer objektiven Wirklichkeit darstellt, doch immerhin der größesten Aufmerksamkeit werth ist, indem sie dieselben nach der Auffassungsweise der Massen kennen lehrt. Von ganz besonderer Wichtigkeit wird die Sage daher da, wo es der Geschichte grade um diese Auffassungsweise zu thun ist, wo sie ein Volk in seinem innern Leben kennen lernen will, und um so größer muß diese Wichtigkeit werden, je mehr die übrigen Quellen, aus denen jene sich schöpfen ließe, versiegt sind. Das ist aber bei unserer Mythologie der Fall; nur spärlich sind die älteren Nachrichten über dieselbe, die Fülle der mythischen Vorstellungen unserer Vorfahren liegt in der Sage, und die Geschichte, will sie anders den Zustand des vorchristlichen religiösen Bewußtseins der Deutschen kennen lernen, hat sich vorzugsweise an diese zu wenden.
Sei getrost, und ob die Stunden Rascher Jugend dir verweht! Hast du doch in dir gefunden, Was unalternd fortbesteht: Kannst du ringend doch gestalten, Was der Geist dir reichlich gibt, Kannst im Lied die Liebe halten - Selig ist, wer schafft und liebt. Nimmer nun des Segels Schwinge Stell' ich aus ins weite Meer; Denn gewaltig zieht die Dinge Frommer Liebeszwang mir her. Alle Wunder, die ich ferne Suchte, trägt der Heimat Schoß; Und so segn' ich meine Sterne, Und so preis' ich still mein Los.
Zwischen Guatemala und dem mexikanischen Staat Yucatan erstreckt sich eine Hochebene. Das Land ist rauh, von Felsen zerrissen, mit dornigem Buschwerk, spärlichem Gras und vereinzelten Bäumen bestanden, vulkanischer Boden, wild und zerklüftet. Über diese Hochebene jagten an einem stürmischen Abend, die Nacht war nicht mehr fern, zwei Reiter in südlicher Richtung dahin. Sie schienen gehetzt, verfolgt vielleicht, denn sie trieben ihre edlen Tiere zu rasendem Lauf, ihnen keine Minute der Rast gönnend. Kleidung und Aussehen verrieten sie als Indianer, Ureingeborene des Landes. Ihre dunklen, hart geschnittenen Gesichter waren finster und verschlossen, unter den Stirnbögen glühten die Augen, das lange, strähnig schwarze Haar flatterte im scharfen Luftzug, der von der See herüberkam. Der eine der Reiter trug in seinen Poncho gewickelt ein Kind.Sie ritten schweigend, verkrampft, Schatten gleich, stundenlang, ohne des Weges zu achten, dessen sie sicher schienen. Schließlich wurde in der Ferne ein dunkler Waldstreifen sichtbar; auf ihn hielten sie zu. Über dem Schattenriß des Waldes glühten einige phantastische Bergzacken im violett schimmernden Licht des Abends. Der ältere der Reiter verlangsamte den Lauf seines Pferdes. »Wie lange willst du das Kind noch tragen?« wandte er sich an seinen Begleiter. Die Frage wurde in der Sprache der Mayas gestellt; die Antwort kam in der gleichen Sprache: »Bis ich es in sichere Obhut geben kann, Kazike. Keinen Augenblick länger.« Über das Gesicht des Kaziken, eines finster blickenden, nicht mehr jungen Mannes, flog ein Schatten. »Du bist ein Narr,Azual«, sagte er. »Zieh dem Balg die Machete durch die Kehle, und es ist alles vorbei.«
Nord und West und Süd zersplittern, Throne bersten, Reiche zittern, Flüchte du, im reinen Osten Patriarchenluft zu kosten, Unter Lieben, Trinken, Singen Soll dich Chisers Quell verjüngen.Dort, im Reinen und im Rechten, Will ich menschlichen Geschlechten In des Ursprungs Tiefe dringen, Wo sie noch von Gott empfingen Himmelslehr in Erdesprachen Und sich nicht den Kopf zerbrachen.Wo sie Väter hoch verehrten, Jeden fremden Dienst verwehrten; Will mich freun der Jugendschranke: Glaube weit, eng der Gedanke, Wie das Wort so wichtig dort war, Weil es ein gesprochen Wort war.Will mich unter Hirten mischen, An Oasen mich erfrischen, Wenn mit Karawanen wandle, Schal, Kaffee und Moschus handle; Jeden Pfad will ich betreten Von der Wüste zu den Städten.Bösen Felsweg auf und nieder Trösten, Hafis, deine Lieder, Wenn der Führer mit Entzücken Von des Maultiers hohem Rücken Singt, die Sterne zu erwecken Und die Räuber zu erschrecken.Will in Bädern und in Schenken, Heil'ger Hafis, dein gedenken, Wenn den Schleier Liebchen lüftet, Schüttelnd Ambralocken düftet. Ja, des Dichters Liebeflüstern Mache selbst die Huris lüstern.Wolltet ihr ihm dies beneiden Oder etwa gar verleiden, Wisset nur, daß Dichterworte Um des Paradieses Pforte Immer leise klopfend schweben, Sich erbittend ew'ges Leben.
Noch als grüner Bursche schrieb Ker, das heißt der Student Dmitri Alexándrowitsch Ker-Asowsky in sein Tagebuch: St. Petersburg, den 2./14. April. Ich setze keinen Fuß mehr in die Universität. Was bekomme ich dort zu hören? Es ist wahrlich nicht des Hingehens wert. Tag für Tag entsetzlich wichtige Mienen, aber die Weisheit der Herren fließt tropfenweise. Tagtäglich ein sparsam zugemessenes Tröpfchen, da, wo ich in vollen Zügen trinken möchte. Und wie sie vortragen! wie sie vortragen! Semester für Semester immer dieselben Witze an derselben Stelle, die älteren Studenten kennen die Witze alle im voraus. Man denkt unwillkürlich: morgen kommt es! ja morgen! immer derselbe Quatsch. Und das nennen die Herren Philosophie! Entweder wissen sie nichts mehr zu sagen, oder sie wagen es nicht. Das ist nur bei uns in Rußland möglich. Dazu der ewige Winter, wir haben April. In Deutschland ist es voller Frühling. Was soll ich hier? Ich gehe nach Deutschland. Wenn es mir einmal bestimmt war, über diesen Planeten als Mensch zu wandern, so will ich es nicht getan haben, ohne das Höchste kennenzulernen, was die Erde uns Menschen bietet. Wanderer sind wir alle; ich will sehend wandern. 11./23. April. Mein lieber Schwager und Vormund Sztipann Sztipannowitsch ist ganz einverstanden. Er hat sehr liebenswürdig zugestimmt, hat sofort die nötigen Mittel angewiesen und hat mich lächelnd ermahnt, nicht gar zu sparsam zu sein, und das würde ja wohl die paar Monate bis zu meiner Mündigkeitserklärung reichen; dann könnte ich ja über das Ganze selbst verfügen. Ich weiß nicht, was ich gegen ihn habe. Er ist immer liebenswürdig und höflich gegen mich, aber ich mag ihn nicht. Man sagt ihm nach, daß er die Bauern schinde. Auch mein Bruder, der General im Kaukasus, ist, solang ich denken kann, mit ihm verzankt. Meine Schwester Anna Alexándrowna umarmte und küßte mich und konnte sich nicht enthalten zu sagen: »Papa war sehr liebenswürdig gegen dich, obgleich du doch von seiner dritten Frau bist, und kein Mensch dachte daran, daß er sich noch einmal verheiraten würde. Freifräulein von Lützerode-Stefanitz, Stiftsdame aus Waitzenbach ober Hammelburg bei Schweinfurt . . . reichsunmittelbar . . . und allen regierenden Häusern ebenbürtig! Warum hat sie denn nicht einen deutschen König geheiratet, statt unseren armen Papa?«
Von mehr, als einer Seite bin ich aufgefordert worden, dies mein zweites Drama mit einem einleitenden Vorwort zu begleiten. Ich kann mich nicht dazu entschließen, denn ich müßte zu weit ausholen, wenn ich auch nur darlegen wollte, in welcher tiefen Beziehung dasselbe zu meiner individuellen Lebens-Entwickelung steht. Einen Fingerzeig glaube ich mir jedoch erlauben zu dürfen. Wer die Idee des Stückes aufgefaßt hat, dem wird nicht entgehen, daß hier eine Handlung dargestellt wurde, die vieler Träger bedurfte, weil sie zwischen Tat und Begebenheit in der Mitte schwebt und schweben muß; ihn wird daher die schärfere Entfaltung der Nebencharaktere, wozu indes die alte Margaretha keineswegs gehört, überhaupt der architektonische Zuschnitt des Ganzen, nicht befremden. Noch weniger wird er fragen: was soll der Jude? was soll Fatime? oder gar: was soll der Tolle? Daß Golos Selbstverstümmelung am Schluß, dies einfache Ergebnis seines Charakters und der ungeheuren Situation, so wenig den tragischen Donner verstärken, als der poetischen Gerechtigkeit genug tun soll, versteht sich wohl von selbst.
Bei Anbruch des Tages Epiphanias hielt der Schutzmann im sechsten Revier, Christof Busekow, Posten am Schnittpunkt der Hauptstraßen seit vier Stunden. Anfangs hatte ihn das Bewußtsein, Ordnung und Sicherheit hingen von seiner einzigen Person ab, zu höchster Dienstbereitwilligkeit gestählt; allmählich, da alles sich schickte, verlor seine Aufmerksamkeit das Gespannte, schwang mit der Masse der Bewegenden und Bewegten. Je näher Ablösung rückte, überwogen in ihm zwei Empfindungen. Es schien regnen zu wollen, er fühlte vor, wie er, mit eingezogenen Schultern auf dem Heimweg sacht auftretend, Pfützen auf den Steinen vermeiden würde; mehr als diese Vorstellung beglückte ihn des Kaffees Duft, der beim Eintritt in die Wohnung auf dem Tisch hergerichtet sein mußte. Nur von Zeit zu Zeit flog sein Wille in die Brille zurück, riß in flüchtiger Empörung Löcher in Gegenüberstehendes. Dieser bewaffnete Blick packte nicht nur Passanten in Zivil; wie er aufflammend vorwärtsschoß, zwang er auch Busekows Kameraden zur Bewunderung, sie empfanden: der schaut durch Tuch und Haube; ist geborener Polizist. Von einem tüchtigen Menschen war die Schlappe der Geburt, Kurzsichtigkeit, zu einem Vorteil für sich umgebogen worden, hatte er, seiner Nichteignung für eine Aufsichtsstellung im Urteil zuständiger Instanzen gewiß, alle gesunden Kräfte von andern Organen ins Auge hochziehend, diesem hinter Gläsern so schneidigen Ausdruck verliehen, daß die befugten Personen erklärten, sie erwarteten Besonderes von seinem scharfen Hinsehen. Er wiederum, besorgt, er möchte diese Hoffnung enttäuschen, wandelte, den Körper immer mehr vergewaltigend, im Lauf der Zeiten die gesamte Barschaft an praller Muskelkraft in Späh- und Spürvermögen um, bis seine Schenkel, die unter dem Sergeanten des fünfzigsten Infanterieregimentes gewaltige Tagmärsche zurückgelegt hatten, ihn saftlos und schlapp auf Posten kaum mehr hielten, die einst von Gewehrstrecken geschwellten Arme Lust leidenschaftlichen Zugreifens verloren. Da er aber für gewöhnlich unbewegt auf einer Steininsel zwischen zwei Fahrdämmen stand, an dieser vom Verkehr belebten Stelle außer dem Auge selten der Arm des Gesetzes gefordert wurde, blieb dieser leibliche Mißstand ihm verborgen.
Emil Gugenzeil reiste ständig zwischen seinem Berliner Büro und seinen Fabriken in Schlesien hin und her. Die wenigen Abende, die er in Berlin verbrachte, waren mit gesellschaftlichen Pflichten ausgefüllt. Wenn er aus dem Büro kam, lag der Frack bereit, und seine junge Frau wartete meist schon ungeduldig in der Halle. Das Gespräch war immer das gleiche:»Guten Abend, Liebes!« »Tag, Emil! Bitte, beeil dich!« Er stürzte die Treppe hinauf, wandte sich oben um und rief hinunter: »Du siehst heute abend wieder prachtvoll aus.« Sie lächelte und rief zurück: »Ich freue mich, daß ich dir gefalle.«Dann verschwand er, der Diener half ihm in den Frack ¿ während Kaete unten vor dem Spiegel stand und das Kunstwerk ¿ denn das war sie ¿ noch einmal einer Prüfung unterzog. ¿ Meist rief sie dann die Zofe, die irgend etwas an der Toilette in Ordnung bringen mußte. Inzwischen war ihr Mann auch schon angezogen ¿ die Zofe half Frau Kaete in den Abendpelz, der Fabrikant stülpte den stumpfen Zylinder auf den Kopf, und sie bestiegen ihr Auto. Regelmäßig, wenn der Wagen aus dem Gittertor heraus und auf offener Straße war, fragte Frau Kaete:»Wie gehen die Geschäfte?« Und er erwiderte dann jedesmal: »Danke! sie gehen. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen.«»Ich kann mir also den Pelz« ¿ manchmal war es auch ein neuer Wagen oder ein neues Pferd ¿ »kaufen?«»Gewiß!« erwiderte er ¿ »aber übertreibe es nicht.« »Das sagst du jedesmal.«
So ahnten auch die Bewohner von Berlin einmal nicht, in wie hohem Maße man sie zu Weltstädtern bestimmt hatte. Selbst als draußen schon die Stränge der Eisenbahn die Welt zu verstricken begannen, barg sich die grüne Stadt an der Spree noch arglos im Netz der Behaglichkeit. Neben den niedern Giebelhäusern reiften Kohl und Johannisbeeren. Unter schattigen Bäumen trank man seinen Milchkaffee. Und zwar in langsam bekömmlichen Schlücken. Tief waren die Tassen, groß die Semmeln, lang die Pfeifen. Ruhig die Straßen, friedlich die Plätze. Dick und fest die Grenzmauern. Keinem Berliner wäre es damals eingefallen, durch die Luft fliegen zu wollen. Gemessen und sorgsam bewegte man sich über das holprige Pflaster. Im Sommer hatte man Gras und Wiesenblumen auszubiegen. Im Winter verboten Schlamm oder Glatteis jede übertriebene Eile. Keinem kam es in den Sinn, sich ängstlich zu berechnen, daß eine einzige Minute sechzig kostbare Sekunden umschloß. Aus dem einfachen Grunde, weil man von den Sekunden überhaupt noch keinen Gebrauch machte. Obwohl man sonst durchaus nicht verschwenderisch war. Auch wenn man das Geld dazu hatte, kaufte man nicht mehr, als man brauchte. Man verlangte von den Menschen sowie den andern nützlichen Gegenständen nicht, daß sie schön und glänzend waren, sondern praktisch und dauerhaft. ¿ In jenen Tagen war es, wo beinahe jeder in Berlin wußte, daß es die besten Kleiderstoffe bei Klaus Spreemann am Dönhoffplatz gab. Das war einem ebensogut bekannt, wie man wußte, daß mittwochs und sonnabends Markt war. Oder daß man seine Fische vor der Spittelkirche kriegte.
Noch einen guten Satz, mein wackerer Falke, und wir sind hinüber! Dann kannst du auf der Ebene dahinfliegen, wie der Pfeil eines Indianers! Nun wacker! Und dabei schlug der junge Reiter, der mit der Linken die Zügel seines Rosses gefaßt hatte, mit der Rechten ermunternd auf den Nacken des stolzen Tieres, das ihn trug. Aber es war ein Wagestück, und der »Falke« schien sich zu scheuen, über die Felsenspalte zu setzen, die vor ihm gähnte. Er hob sich zum Sprunge, wich dann aber zurück und bäumte sich. Der Reiter preßte die langen spanischen Sporen tief in die Weichen des Pferdes, das vor Schmerz sich hoch aufbäumte, einen wilden Seitensprung machte, als wolle es den Reiter von sich schleudern, dann aber mit einem mächtigen Satz vorwärts sprang und über die Felsenspalte hinwegsetzte. Auf ihrer anderen Seite stand es zitternd still und schnaufte ängstlich, als wisse es, daß es einer großen Gefahr entronnen sei. Der Reiter war ein stattlicher junger Mann, wohl wenig über zwanzig Jahre alt, ein echter Spanier vom Scheitel bis zur Sohle, von so reinem Blute wie sein Roß, Dunkelbraune Locken flatterten unter dem Panama-Strohhut, dunkel und feurig blitzten die Augen über der gebogenen Nase, und der starke Schnurrbart hätte nicht sorgfältiger gekräuselt sein können, wenn Don Lotario einen Ritt durch die Puerta del Sol, die vornehmste Straße von Madrid, gemacht hätte, anstatt über die Felsen von Oberkalifornien, das damals ¿ anfangs der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts ¿ noch zu der Republik Mexiko gehörte.
'The most exhilarating history of mountaineering ... a riveting read' Jeremy Paxman
A rock-climber's eye view of the natural world, tracing a geological and personal journey across the British Isles over ten years
Abonner på vårt nyhetsbrev og få rabatter og inspirasjon til din neste leseopplevelse.
Ved å abonnere godtar du vår personvernerklæring.